Kapitel 1
Der Rabe weiß nicht mehr wo er ist. Seit gut zwei Stunden fliegt er hektisch und krächzend hin und her und hoch und runter, aber kein Artgenosse antwortet ihm. Über die einsame Hügellandschaft, über kleine Seen und Moore und Wälder und Gestrüpp und Schilf, landet mal hier, landet mal dort und steigt wieder hoch in den Himmel. Endlich entdeckt er ein Lebenszeichen. Da bewegt sich etwas und dort glitzert es. In weitem Bogen umkreist er den Hügel, geht in den Tiefflug und folgt dem Bach bis zu einem von alten Birken verstellten Haus. Ein in die Jahrhunderte gekommenes aber gepflegtes, turmartiges Fachwerkhaus mit quadratischem Grundriss, so ungefähr acht auf acht Meter, hohem Sockel, anschließenden zwei Stockwerken und vier Dachgauben nach allen Seiten. Zögerlich nähert sich der Vogel dem mit reichlich Efeu und Knöterich verzierten, überdachten Kellereingang. Der in der Sonne glänzende Gegenstand, ein faustgroßer Pyritbrocken, ist für ihn nicht von sonderlichem Interesse, und heute schon gar nicht, aber auf den Kellerstufen liegen verstreut Getreidekörner, Nüsse, Trauben und sogar ein Apfel. Er blickt sich noch ein paar Male um, macht seinen Hals lang und hüpft die ersten Stufen hinunter. Augenblicklich zuckt er zurück, reißt hektisch seine Flügel nach oben. Zu spät. Ein von oben herabfallendes, schweres Netz bremst seinen Startversuch abrupt, und alles winden, schnappen und hüpfen hilft ihm nicht sich aus seinem Dilemma zu befreien. Nach hartnäckigem Kampf gibt er endlich auf und pickt sich zum Trost die erreichbaren Früchte. Die Verschnaufpause ist nur von kurzer Dauer. Mit einem dumpfen „Plopp“ öffnet sich die Kellertür nach innen und eine junge Frau betritt die Stufen. Man muss schon zweimal hinschauen, denn sie hat keine Haare auf dem Kopf. Eine sandfarbene Kutte reicht ihr bis zu den Knöcheln und ein breiter, schwarzer Ledergürtel betont ihre Taille. Schuhe trägt sie keine. „Grohanhe rhagti di Mhiathu“, spricht sie freundlich den Vogel an. Sie zupft an dem Netz, zieht es an einer Stelle langsam nach oben, und mit einer blitzschnellen Handbewegung hat sie den großen Raben im Griff. Der wehrt sich nur noch halbherzig als die Frau ihn in den Keller trägt. Ein Naturkeller mit Lehmboden, rohen Bruchsteinwänden, einer massiven Holzdecke und vier mit floralen Schnitzereien versehene Holzsäulen, die, zum Haus passend, in einer quadratischen Formation sich um die Mitte des Raums gruppieren. Im Zentrum steht ein, natürlich, quadratischer Tisch, und das durch die Kellertür hereinfallende Lichtbündel lässt die Szenerie mit den Säulen drumherum fast sakral erscheinen. Auf der linken Seite nimmt eine Galerie von im Halbdunklen nicht klar zu definierenden Gerätschaften die gesamte Breite der Kellerwand ein, und gegenüber stehen zwei ausladende, bis an die Decke reichenden Schränke. Die Frau setzt den Raben auf den Tisch und betrachtet den stattlichen Kolkraben mit einem zufriedenen Schmunzeln, streicht ihm sanft über den Kopf und tippt kurz mit ihrem Fingernagel auf seinen eindrucksvollen Schnabel. Sie scheint ihn erwartet zu haben. Mit flinken Händen bindet sie den Schnabel zu und die Beine zusammen, fixiert mit einem breiten Band die Flügel am Körper und hängt den zunehmend unruhiger werdenden Vogel kopfüber an einen Haken über dem Tisch an die Decke. Sie stellt eine große Schale auf den Tisch, füllt sie mit aus dem schon in einem Eimer bereit gestellten Brunnenwasser und streut kristallartige Steinchen und etwas Pulver aus einem der beiden Schränke hinein. Es knistert und funkelt ähnlich den Wunderkerzen auf einer Geburtstagstorte und heller Rauch in wechselnden feinen Farbnuancen steigt auf. Noch tut sich nichts. Dann aber wird es lebendig, und nach und nach seilen sich kleine dunkelrote Spinnen aus einem schmalen Spalt in der Holzdecke zum Raben hinab. Es sind viele, sehr viele.
Ruhig verlässt die junge Frau den Keller, schließt leise die Tür und schlendert zum Bach. Es ist schwülwarm, nicht der kleinste Hauch von Wind sorgt für etwas Kühlung. Sie rafft ihre Kutte bis über die Knie und stellt sich ins kühle Nass. Sie hört etwas, hebt Kopf und Augenbrauen - und lächelt. Geradewegs auf sie zu, knapp über dem Wasser, sirrt nebelgleich ein Zug von Libellen heran, hüllt sie ein und umkreist sie. Fliegende Mini-Ventilatoren. Eine außergewöhnlich große Libelle, Königinnen gleich, goldrötlich schimmernd, landet auf ihrer ausgestreckten Hand, schwirrt um die eigene Achse, schraubt sich nahezu tanzend nach oben und verschwindet schließlich samt ihrem Hofstaat weiter Bach abwärts.
Es ist Nacht. Nur das fahle Licht der schmalen Mondsichel gibt der Umgebung ein wenig Kontur. Im ersten Stock des Turmhauses bewegt sich unruhig ein Licht und erscheint wenig später in der sich öffnenden Haustür. Ein schriller, langer Pfiff, in nur einem hohen Ton, durchschneidet die Stille. Wieder der Pfiff - und jetzt löst sich ein Schatten unter einem Baum, wird schneller, springt katzengleich die steilen Sandsteinstufen hinauf, zeigt kurz das schwarzglänzende Fell und verschwindet im Haus. „Gotha majhug pogha“ hört man die Frau das Tier begrüßen. Kurz darauf tritt sie aus der Tür. Ihre Stirnlampe blendet. Sie geht ums Haus herum in den Keller. Ein Geruch von vergorenen Früchten erfüllt den Raum. Da hängt er, der Rabe, aber er ist nicht wieder zu erkennen: Die Spinnen haben ganze Arbeit geleistet. Den Vogel umhüllt von Kopf bis Fuß ein fein gesponnenes, seidig glänzendes Meisterwerk. Andächtig betrachtet sie den Kokon und berührt ihn ganz sacht mit beiden Händen. Er fühlt sich warm an und bewegt sich sanft mit der Atmung des Tieres. Hier gibt es für sie im Moment nichts mehr zu tun, sie verlässt den Keller ohne die Tür zu schließen. Am Hauseingang zögert sie kurz und wählt dann einen schmalen, leicht bergab führenden Trampelpfad und erreicht nach kurzer Wegstrecke den See. Sie betritt den kurzen Holzsteg und lässt ihren Mantel fallen. Die jetzt, bis auf ihre Stirnlampe, nackte geheimnisvolle Dame lässt ihre Beine ins Wasser baumeln um dann elegant und nahezu geräuschlos ins pechschwarze Wasser zu gleiten.
Es ist ein kleiner See mitten im Wald, vielleicht ein Dutzend Fußballfelder groß und spiegelglatt. Selbst jetzt im Mondlicht ist er kaum auszumachen. Aber man riecht ihn, er verströmt einen torfigen, süß-sauren Geruch. Links vom Steg beginnt der Schilf, und hohes, wildes Buschwerk schließt sich an und säumt nahezu den gesamten See. Auf der rechten Uferseite stehen mächtige Trauerweiden deren hängende Äste das Wasser berühren. Die Schwimmerin hat nun etwa die Mitte des Gewässers erreicht und taucht ab. Nur das Licht der Stirnlampe schimmert noch an die Wasseroberfläche, wird schwächer und verschwindet dann endgültig. Der See raut plötzlich auf, perlt und spritzt, als ob ein kräftiger Regenschauer das Wasser aufwühlt. Doch dafür ist kein Unwetter verantwortlich, sondern eine Armada von dicht an dicht gedrängten, pfeilschnellen, zappelnden und springenden Aalen, die jetzt über der Eintauchstelle kreisen und einen Wasserstrudel verursachen. Es rauscht wie ein Wasserfall und ein merkwürdigen Zirpen, gleich einem Chor von Grillen, begleitet ihr Treiben Doch so schnell wie sie aus der Tiefe kamen, so schnell verschwinden sie auch wieder in ihrem selbstgedrehten Sog. Es ist wieder still am See.
„Du warst aber heute Nacht nicht lang in Deinem Bett, Mia !?“. Die Angesprochene behält ihr Frühstück im Blick, schmunzelt und nickt. Ihre drei mit am Tisch sitzenden Mitbewohnerinnen schauen sich vielsagend an, aber ein Antwort erwarten sie nicht. Denn Mia spricht nicht. Im Alter von etwa zwölf Jahren wurde sie leicht derangiert in einer kleinen Gemeinde aufgegriffen, in einer Klinik medizinisch und psychisch untersucht, intensiv, aber erfolglos, von Behörden aller Art befragt und schließlich resignierend einer Pflegefamilie anheimgestellt. „Wann beginnt eigentlich Deine Schicht ?“ fragt Eleonore gespielt neugierig. Mia winkt ab und bedeutet ihr mit neun Fingern die Uhrzeit. Es ist also noch Zeit. Sie arbeitet in der „Klapse“, wie Anne es despektierlich nennt, Abteilung psychosomatische Störungen. Trotz oder gerade wegen ihres Schweigens ist Mia bei den Patienten auf der Station sehr beliebt. Sie hat eben auch ein Problem, das macht sie glaubwürdig. Ihr Handicap gleicht sie mit guter Laune, Einfühlungsvermögen und ernsthaftem Zuhören aus. Und sie ist vor allem für ihre bildhaften und tröstenden Gesten und ihre ausdrucksvolle Mimik bekannt. Eine Patientin hat Mia ins Herz geschlossen. Sie sitzt immer im Rollstuhl auf der Terrasse um ihre Zigaretten zu rauchen. Gabriele. Eine ruhige Frau, so Anfang Dreißig. Sie sprang in Panik vor ihrem Ehemann aus dem ersten Stock aus dem Fenster und brach sich das Becken und beide Beine. Die körperliche Genesung schreitet voran, aber die seelischen Wunden der jahrelangen Tortour werden so schnell nicht heilen. Nur Mia erzählte sie die ganze Geschichte.
Mia geht ins Bad und macht sich frisch. Gekonnt trägt sie einen Hauch von Farbnuancen über den Augen auf, zupft an den Brauen und ihrer blonden Perücke. „Ghanda frih chosmathu piu“ flüstert sie leise ihrem Spiegelbild zu. Eleonore und Anne sind schon weg und nun verlässt auch sie die Wohnung. Draußen bleibt sie in der Straße kurz stehen, lauscht und schaut nach oben. Ein vertrautes Geräusch. Sie nickt kurz vor sich hin und geht zur U-Bahn. Die vierte im Bunde, Cosma, hat ihren freien Tag. Sie genießt es, öffnet die Terrassentür und legt sich halbliegend aufs Bett. Den Raben, der sich vom Dach des gegenüberliegenden Hauses abstößt und in ihr Zimmer segelt, bemerkt sie nicht. Er setzt sich ans Fußende auf den Bettrahmen, legt den Kopf leicht zur Seite und betrachtet die Frau mit dem schwarzen Pagenschnitt, der schmetterlingshaft geschwungenen Brille und den Kopfhörern. Irgendetwas hat Cosma aber doch irritiert. Ein flüchtiger Schatten, ein Luftzug ? Sie stoppt den zur Musik wippenden Fuß, öffnet die Augen und zieht dann ganz langsam die Hörer von ihren Ohren. Mit einem Flügelschlag landet der Vogel auf ihrem Bauch. Sie drückt ihren Kopf tiefer ins Kissen, denn der Schnabel des Raben berührt fast ihre Nase. Er sitzt ganz still und fixiert sie. Cosma wirkt wie hypnotisiert und verharrt in ihrer Stellung. Von draußen hört man den Straßenverkehr, Gesprächsfetzen, Lachen und die Geräusche einer Baustelle, und hier im Zimmer - scheint die Zeit still zu stehen. Eine unwirkliche, verstörende Szene. Der Rabe öffnet langsam seinen Schnabel und stimmt einen tiefen, rauhen Ton an. Cosma lässt ihre noch immer abwehrbereiten Arme auf die Bettdecke sinken, schließt die Augen und hebt ihr Kinn. Nur ihre Hände bewegen sich, schwebend, greifend und suchend - wie in einem Traum.
Das Mittagessen auf der Station ist vorbei und nach und nach misst Mia bei jedem Patienten den Blutdruck. Die einen dürfen danach innerhalb des Klinikgeländes einen Spaziergang machen, die anderen gehen auf ihre Zimmer für eine Ruhepause. Gabriele fährt zu ihrem Stammplatz. Körperlich kommt sie langsam in die Gänge. Gymnastik, Krafttraining und erste Gehversuche zeigen Wirkung. Nur große Lust hat sie dazu keine. Ihre Komfortzone auf derTerrasse gibt ihr innere Ruhe und hilft ihre Ängste und Grübeleien zu kontrollieren. Nachdem Mia die Patientendaten in die Datenbank eingepflegt hat, fingert sie eine Tüte aus ihrer Kitteltasche und leert den Inhalt vorsichtig in ein Glas. Es sind wieder die kleinen Kristalle, die sich knisternd mit dem Wasser vermischen. Diese Lösung zieht sie auf eine Spritze auf und geht zu Gabriele. Sie ist es gewohnt, irgendwelche Aufbaupräparate zu bekommen und hat vollstes Vertrauen zu ihrer Pflegerin. Dann schnappt sich Mia kurzerhand den Rollstuhl samt Gabriele und fährt auf den Parkplatz. Die mürrischen Proteste ihrer Patientin ignorierend, schiebt sie sie in den schon bereit stehenden kleinen Transporter. Mia fährt gern Auto. Anne hat sie das gelehrt. Zwar besitzt sie keinen Führerschein, aber bisher hat auch noch nie jemand danach gefragt. Nach etwa einer guten halben Stunde erreichen sie das Turmhaus, und unter mühsamem Geschiebe des Rollstuhls über den Trampelpfad auch See und Steg. Gabriele murmelt immer wieder kopfschüttelnd vor sich hin, hat aber letztlich das Gerüttle dann doch unbeschadet überstanden. Nun sitzt sie also mit leicht gesenktem Kopf da und beäugt misstrauisch die Umgebung. Mia lacht. Sie zieht Gabriele die Schuhe und Socken aus, krempelt ihr die Hosenbeine hoch und hilft ihr mit geübten Handgriffen aus dem Rollstuhl. Und ehe sie sich versieht, sitzt sie am Rand des Stegs mit den Füßen im Wasser. Ein kleines Lächeln verzaubert ihr Gesicht und sie dreht sich nach Mia um. Die nimmt gerade ihre Perücke ab, entkleidet sich, setzt ihre Stirnlampe auf und springt an der verdutzten Gabriele vorbei mit Karacho in den See. Umgangssprachlich würde man in diesem Fall wohl von einer klassischen „Arschbombe“ sprechen. Nach gut zwanzig Metern taucht Mia wieder auf, winkt kurz und schwimmt einfach davon, Richtung Seemitte. Die Zurückgebliebene schaut ihr lange nach.
Neben ihr faucht es leise, und etwas Warmes und Weiches drängt sich an ihr reibend vorbei und setzt sich neben sie. „Wer bist Du denn ?“. Gabriele betrachtet das Tier mit großen Augen und hat sichtlich erhebliche Zweifel daran, ob man das hier noch eine Katze nennen kann. Halbstarker Panther würde wohl besser passen. Das imposante Tier nimmt von ihr keine Notiz und schaut konzentriert auf den See. Mia ist aber schon wieder abgetaucht. Der See ist für seine Größe recht tief. Über dreißig Meter geht es hinab, doch die Schwimmerin hat keine Mühe den Grund zu erreichen. Es ist hier unten nahezu stockdunkel. Scheinbar kein Problem für sie, denn sie tastet sich souverän über den Seeboden, vorbei an glitschigem Blattwerk, schlingenden Pflanzen, Wurzeln und unzähligen, kleinen Findlingen. Sie umkreist mehrmals und in immer größeren Radien eine ganz bestimmte Stelle. Nach gut zehn Minuten lässt sie sich dann wieder langsam nach oben treiben. Die Fähigkeit, so lange unter Wasser zu bleiben, hat schon ihre Pflegeeltern zur Verzweiflung gebracht, als sie mit Mia ins Freibad gingen.
„Du hast mir aber einen schönen Schreck eingejagt.“ Mia dreht sich überrascht um und sieht Gabriele aufgeregt auf sich zu schwimmen. Sie umarmt Mia stürmisch und drückt sie fest an sich. Die hat alle Hände voll zu tun um sich beide über Wasser zu halten. Dann aber legt auch sie Gabriele die Arme fest um die Taille, und sie versinken eng umschlungen im See. Nach wenigen Metern löst Gabriele die Umarmung, stößt sich von Mia nach oben ab und schnappt nach Luft. So fit ist sie doch noch nicht, und mit Mia kann sie sowieso nicht mithalten. Auf dem Steg hat es sich der „Panther“ auf dem Rollstuhl bequem gemacht, wobei er mehr sitzt als liegt, und hebt zur Begrüßung der beiden Damen immerhin kurz den Kopf von der Armlehne. Weiter unternimmt er nichts und gibt damit klar zu erkennen, daß er nicht gewillt ist diesen Platz zu räumen. Gabriele wirft sich kurzerhand ihre Kleider über die Schulter, schnappt sich den Rollstuhl samt Raubtier und schiebt los. Mit kleinen Schritten zwar, etwas unsicher, aber mutig. Das Schwimmen im See, das sich selbst überwinden, hat ihr offensichtlich gut getan. Am Haus angekommen bittet Mia sie hinein. Auf der Treppe wirft Gabriele noch einen Blick zurück. Nein, kein Mensch zu sehen.
Erst mal hinsetzen. Dieser Ausflug war für sie doch recht anstrengend. Mia reicht ihr ein Handtuch und stellt die mitgebrachte Thermoskanne mit Tee und zwei Becher auf den wuchtigen Holztisch. Mindestens zwölf Leute können hier ganz bequem auf den rundum platzierten Bänken Platz nehmen. Während Mia ins Untergeschoss verschwindet, betrachtet Gabriele neugierig die Räumlichkeiten, genauer gesagt, den einzigen Raum auf diesem Stockwerk. Massives Holz an Decke und Boden, Rauhputzwände und eine einfache Treppe an der Wand entlang zum oberen Stockwerk. Optisches Highlight ist ein sehr alter, robuster, mit Holz zu feuernder Küchenherd mit riesiger Backröhre. Das Holz liegt daneben schon griffbereit, aber hier ist wohl schon lange nicht mehr gekocht worden. Ein Schrank, zwei Kommoden und ein Hocker komplettieren die Einrichtung. Wasser, persönliche Gegenstände oder Bilder ? Fehlanzeige. "Wohnt hier jemand ? Es ist alles so aufgeräumt und sauber." Mia setzt sich zu ihr, trinkt einen Schluck und schüttelt nur kurz den Kopf. Und als Gabriele weiter fragen will, winkt sie mit beiden Händen ab, steht auf, streicht ihrer Freundin über die Haare, küsst sie auf die Stirn und zieht sich fertig an.
„Cosma hat Spaghetti gekocht !“, ruft Eleonore ihren beiden noch im Flur stehenden Mitbewohnern zu. „Kannst Du Gedanken lesen. Genau darauf hab‘ ich heut‘ Lust“. Sie lupft den Deckel und fächert sich tief Luft holend den Duft der Tomatensoße in die Nase. Eleonore, eigentlich Elli, klappert in der Kommode nach der Käsereibe, zerrt ohne jegliche Rücksichtnahme auf die fragile Ordnung im Kühlschrank den Parmesan hervor und, ohne ihren detaillierten Tagesbericht zu unterbrechen, geht sie an Werk den Käseblock zu dezimieren. Während Radio Elli weiter sendet, wird gelöffelt, gedreht, gezogen und geschlürft um die ellenlangen Spaghetti samt Soße kleckerfrei in den Mund zu bekommen. Nur der Salat scheint etwas sauer ausgefallen zu sein, was man den drei Damen sichtlich ansieht. Cosma hingegen findet ihn wunderbar. „Wein ?“. Sie lehnt dankend ab, senkt den Kopf und streicht über ihr noch unsichtbare Bäuchlein. „Oh sorry - und was hast Du denn heute eigentlich so gemacht“, fragt Anne. „Tief und lang den Tag fast verpennt. Das kenn ich gar nicht von mir“. Sie sitzt kerzengerade auf ihrem Stuhl und schließt die Augen. „Und geträumt…“. Sie macht eine lange Pause, als ob der Film vor ihr noch einmal abläuft. „Eine endlose, schwebende Reise durch die Luft und unter Wasser. Es war aufregend und - irgendwie beängstigend zugleich. Wie auf einer Achterbahn“. Mia hört ihr aufmerksam zu. „Macht ihr das Geschirr ?!“. Cosma steht auf und geht: Ihr Freund wartet.
Kapitel 2
Gabriele sitzt nun nicht mehr in ihrem Rollstuhl. Sie geht in kleinen Schritten, mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf auf der Terrasse auf und ab, zieht an ihrer Zigarette und steuert dann Tisch und Gartenstuhl in ihrer Ecke an. Mia schiebt ihr den Aschenbecher zu und streicht ihr tröstend über die Hand. Gabrieles Mann Martin ist leitender Angestellter im erzbischöflichen Ordinariat, zuständig für die Ausbildung von potentiellen Geistlichen. Und obwohl er wegen besagter häuslicher Gewalt vor Gericht stand, man setzte seine Strafe übrigens zur Bewährung aus, hält die Leitung des Hauses aufgrund echter Reue, die er „überzeugend und glaubhaft“ vermittelte, ihre schützende Hand über Martin. Er bekam sogar einen Schlüssel für die Kirche in seiner Wohngegend. Jeden Freitag, spät abends, hat er sie für sich allein um stille Andacht zu halten. Das heißt für Gabriele, ihr ganz persönliches Schicksal sitzt weiterhin bequem in der gemeinsamen Wohnung, und ihr Entlassungstermin aus der Klinik rückt näher und näher. Wo soll sie hin ? Das Ordinariat, das ein Mal während ihres monatelangen Klinikaufenthalts einen Pfarrer vorbei schickte, und Gabriele mitteilen lies, daß eine Scheidung nicht in Frage käme und sie ihrem geläuterten Ehemann in seiner Seelenpein doch zur Seite stehen möge. Dank der Medikamente und der psychologischen Betreuung fällt Gabriele bei diesen vagen Zukunftsaussichten nicht wieder in ein tiefes Loch, auch ihren Ängsten steht sie tapfer im Weg, aber das Gedankenkarusell rattert und auch einige somatische Beschwerden wallen wieder auf. Frauenhaus ? Umziehen ? Dafür fehlt ihr momentan das Geld und - vor allem der Mut, denn sie müsste täglich damit rechnen, dass er seinen „Besitz“ sucht und plötzlich vor ihrer Tür steht. Hier in der Klinik war sie vor ihm sicher. „Mia, Blutabnahme !“. Sie hebt ihre Augenbrauen und zieht eine Schnute, nickt Gabriele aufmunternd zu und steht auf, die Oberschwester lässt man besser nicht warten.
Es ist früher Nachmittag und ihre Schicht zu Ende. Sie schaut noch rasch bei Gabriele im Kraftraum vorbei, wirft ihr eine Kusshand zu und verlässt die Klinik. Mia braucht heute Annes Auto. Es steht jedem der Wohngemeinschaft zu damit zu fahren. Ein legeres Carsharing, finanziert durch ein fettes Porzellanschwein in der Gemeinschaftsküche. Und hier sitzt jetzt auch Cosma am Tisch, trinkt eine Tasse Kaffee und kaut ganz bedächtig, gedankenversunken beim Studium ihres Smartphones, auf einem Croissant. Wortlos und ohne den Blick von ihrem Gerät zu lassen, begrüßt sie Mia mit einem kurzen anheben ihres Zeigefingers. Sie schüttelt den Kopf, und in Anbetracht dessen, eine Zuhörerin zu haben, kann sie ihren Ärger endlich teilen: „Die einen, asoziale Eliten ohne Charakter und Verantwortungsgefühl, sehen diese Welt als Selbstbedienungsladen“. Cosmas Wangen röten sich leicht und sie atmet ein paar Mal tief durch. „Und die anderen, heuchlerische, machtgierige Tyrannen, ob weltlich oder religiös, basteln sich ihre eigenen Ideologien, aus Angst vor der eigenen Bevölkerung,“. Sie kann so schnell nichts aus der Ruhe bringen, Erfolg und Geld neidet sie niemandem, aber diese Gier versteht sie nicht. Mit Verachtung im Gesicht schiebt sie ihr Smartphone und die Krümel ihres Croissant beiseite, lehnt ihren Kopf an Mias Schulter, die neben ihr Platz genommen hat, und lässt ihre Hände in den Schoß fallen. So sitzen sie eine Weile und reflektieren still vor sich hin, bis Mia sie sanft gerade rückt und zum Autoschlüssel neben dem Sparschwein geht. In der Tür dreht sie sich noch einmal zu Cosma um. „Chosmathu, brohla piu futhragehta gohlum Thag.“ Sie schließt die Tür und läßt ihre Mitbewohnerin mit offenem Mund zurück. Was war für sie jetzt schockierender, dass Mia überhaupt spricht, oder, dass sie dieses Kauderwelsch verstanden hat ?
Der Gemeinschaftswagen von Anne ist ein alter Renault Espace. Der Lack ist schon lange ab, beziehungsweise, die ehemals hochglänzende Schicht hat den Kontakt zum Grundlack nach und nach in Fetzen verloren. Aber der Sechszylinder schnurrt kräftig ohne Murren. Mia nimmt die alte Landstraße gen Süden, fährt also über die Dörfer, und kurz bevor das Alpenvorland mit ersten Hügeln aufwartet, biegt sie gleich hinter einer verlassenen Scheune in eine schmale aber geteerte Nebenstraße. Eine Abkürzung, und schon nach etwas zwei Minuten erreicht sie ein kleines Wäldchen. Gleich nach einer knorrigen, dicken Eiche geht es scharf um die Ecke - und durch die Schlaglöcher, denn mitten in der Kurve endet, aus welchen Gründen auch immer, abrupt der Asphaltbelag. Jetzt ist es zum See und dem Fachwerkhaus nicht mehr weit, und Mia genießt das lässige Schaukeln des Wagens, der die Unebenheiten des Feldwegs sanft ausfedert. Zu ihrer Begrüßung hat sich der „Panther“ oben vor der Haustüre stolz in Positur gebracht. Mia setzt sich neben ihn, krault seinen Nacken, zupft an seinem leicht gepinselten Ohr, um seine ungeteilte Aufmerksamkeit zu fordern und spricht ganz nah und leise mit ihm. Er schaut stur geradeaus, nur das Auge kneift er ab und zu zusammen und zieht den Maulwinkel nach oben, dass seine Fangzähne zum Vorschein kommen. Das mit den Ohren hat er nicht so gern. Fast erschrocken zuckt er herum, als Mia abrupt aufsteht und im Haus verschwindet. Er folgt ihr augenblicklich und jagt mit kraftvollen Sätzen, laut polternd, die Treppe hinauf ins obere Stockwerk.
Nach oben